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Erinnerungsrede

Liebe Familie, liebe Freunde,

ich darf heute hier stehen und eine Erinnerungsrede auf meinen Vater halten. Eine Rede auf meinen Vater Karl.

Jetzt sehe ich schon, wie einige von euch mich fragend anschauen. Und ich kann mir genau denken, was euch gerade durch den Kopf geht: „Oh je. Der arme Lukas. Die Trauer hat ihm den Verstand geraubt. Er weiß nicht mal mehr, wie sein eigener Vater hieß! Der gute Mann hieß doch Bernd!“

Aber nein, mein Verstand funktioniert noch. Mein Vater hieß auf dem Papier tatsächlich Karl. Und wer ihn kannte, der weiß: Karl war ein Lausbub durch und durch. Er hat es geliebt, kleine Scherze zu machen, er hatte dieses Schnippische, dieses Spitzbubenhafte an sich. Und ich glaube fast, das hier war sein größter Streich: Er hieß eigentlich Karl und hat uns alle ein Leben lang in dem Glauben gelassen, dass er Bernd heißt. Ich traue es ihm jedenfalls voll und ganz zu. Wir werden wohl nie endgültig erfahren, ob wir heute Bernd oder Karl verabschieden.

Aber egal, ob er nun Karl oder Bernd hieß – ich kann es mir leicht machen: Ich durfte ihn einfach Papa nennen. Und ich möchte heute darüber sprechen, was dieser Mann für mich bedeutet hat. Dafür habe ich drei Erinnerungen mitgebracht. Eine vom Anfang, eine aus der Mitte und eine vom Schluss.

Der Anfang muss natürlich im Hubschrauber stattfinden. Ich war damals noch winzig, keine drei Jahre alt. Und was denkt sich mein Papa? Wahrscheinlich: „Der Junge hat jetzt laufen gelernt, es wird höchste Zeit, dass er fliegen lernt.“ Also nahm er mich mit in den Hubschrauber. Ich saß auf dem Sitz neben ihm, mit diesen riesigen Kopfhörern auf. Und weil so ein Hubschrauber schön vibriert, bin ich als Kleinkind prompt eingeschlafen – und mein Kopf kippte immer wieder gegen die Seitenscheibe der Tür. Dieses Vibrieren an der Scheibe hat sich über das Mikrofon direkt in seine Kopfhörer übertragen.

Mein Papa erzählte mir später oft, wie er immer wieder versuchte, mich während des Fluges von der Tür wegzuziehen, damit dieses Geräusch in seinem Ohr aufhört. Er muss dabei absolute Schlangenlinien in den Himmel geflogen sein. Ich frage mich bis heute, was die Leute am Boden wohl gedacht haben: „Jetzt fliegen die Betrunkenen schon Hubschrauber, es wird ja immer doller!“ Dabei war es kein betrunkener Pilot. Es war einfach nur mein fürsorglicher Papa, der auf seinen schlafenden Sohn aufgepasst hat.

Die zweite Geschichte stammt aus der Mitte meines Lebens, aus meiner Schulzeit. Wir alle wissen: Schule macht nicht immer Spaß. Man hat als Jugendlicher andere Dinge im Kopf als Mathe und Physik. In dieser Zeit gab es für mich ein ultimatives Mittel, um den Kopf freizubekommen: Ich habe meinen Papa angerufen. Fast jeden Abend. Ich wollte einfach etwas machen, was Freude bringt.

Und mein Papa? Er hat alles stehen und liegen gelassen. Er hat mich abgeholt, wir haben ferngesehen, wir sind Fahrrad gefahren. Er war einfach immer da. Wenn ich mich heute frage, wie ich ihn in dieser Zeit am besten beschreiben soll, dann lautet die Antwort: Mein Papa war mein bester Freund.

Ich erzähle das heute aus meiner Sicht als Sohn. Aber wenn ich hier in eure Gesichter sehe, weiß ich: Viele von euch könnten genau solche Geschichten erzählen. Weil er für euch genauso da war – als Papa, als Opa, als Bruder, als Freund.

Damit kommen wir zum Schluss.

Mein Papa war ein absoluter Lebemann. Er war ein lebensfroher Mensch, der unter Leuten sein wollte, der das Leben in vollen Zügen genossen hat. Doch nach einem unerwarteten Vorfall musste er plötzlich ins Krankenhaus. Aber wer ihn kannte, weiß: Ein Krankenhausbett? Das war nicht seine Welt.

Und so tat er etwas, das er sonst fast nie tat: Er bat um Hilfe. Mitten in der Nacht rief er an und sagte: „Lukas, bitte hol mich. Ich will nicht das Wochenende hier verbringen. Ich will nach Hause.“

Ich bin sofort losgefahren. Und ich habe in dieser Nacht keinen schwer kranken Mann abgeholt, bei dem das Ende absehbar war. Ich habe einen Mann abgeholt, der einfach nur leben wollte.

Und genau das hat er getan. Die letzten Tage hat er sein ganz normales Leben weitergelebt. Er war unterwegs, hat für die Enkelkinder die Reifen wechseln lassen, war einkaufen, ist Fahrrad gefahren. Er saß mit mir auf der Terrasse. Er hat gelebt – bis zu seinem allerletzten Tag.

Vielleicht, ganz vielleicht, wäre er nicht an diesem Tag gestorben, wenn er im Krankenhaus geblieben wäre, weil sofort Hilfe da gewesen wäre. Aber mir ist etwas viel Wichtigeres klar geworden: Es geht im Leben nicht darum, es einfach nur biologisch um jeden Preis in die Länge zu ziehen. Es geht um die Würde.

Mein Papa hat sich seine Freiheit, seine Würde und seine Lebensfreude bis zum allerletzten Moment bewahrt. Dass ich ihm diesen Wunsch erfüllen durfte, erfüllt mich heute mit einem tiefen Frieden.

Man sagt, ein Mensch stirbt drei Tode.

Der erste Tod ist biologisch. Das Herz bleibt stehen.

Der zweite Tod kommt, wenn die physischen Spuren von dieser Erde verschwinden. Sein Auto, seine Wohnung, sein Hab und Gut.

Aber der dritte und letzte Tod… der tritt erst ein, wenn das letzte Mal über ihn gesprochen wird. Wenn der letzte Gedanke an ihn verblasst ist.

Wenn ich heute in diese Runde schaue. An seine Streiche denke. An seine absolute Fürsorge, seine Freundschaft und seine unbändige Lust am Leben. Dann bin ich mir einer Sache ganz sicher:

Mein Papa Karl ist noch lange nicht gestorben.